Vorwort des Katalogs

Sanaa Mtaani - Kunst in der Stadt

Vorwort des Katalogs

 

Sanaa Mtaani – Art in the city

 

Während eines Aufenthaltes in Nairobi, Kenia, haben im Dezember 2013 sieben Studierende aus Deutschland eine Vielzahl an Bild- und Tonmaterial aus den Bereichen Visuelle Kunst, Street Art, Musik, Fotografie, Kunsthandwerk und Film in Kooperation mit kenianischen Kunstschaffenden zusammengetragen. Unter dem Titel Sanaa Mtaani – Kunst in der Stadt sollte ein Katalog entstehen, der einen facettenreichen Einblick in die gegenwärtige Kunstszene der ostafrikanischen Metropole ermöglicht. Der vorliegende Katalog ist das Produkt eines stipendiatischen Projektes der Hans-Böckler-Stiftung.

 

Entstehung

Die Projektinitiatorin Anna Lafrentz knüpfte 2012 während eines Praktikums bei der Organisation „Arterial Network“ erste Kontakte zu Kunstschaffenden in Nairobi. Angeregt durch die Erfahrungen im Praktikum entstanden hier erste Fragestellungen zur Wahrnehmung zeitgenössischer Kunst im interkulturellen Vergleich. Im Mittelpunkt standen Fragen nach dem Stellenwert von Kunst in Kenia, den jeweiligen Akteur*innen, Rezipient*innen und Konsument*innen. Die Vielfalt der aufkommenden Fragen ließ die Idee entstehen, sich innerhalb eines Projektes vertiefend mit der gegenwärtigen Kunst in Kenia, ihren Strömungen, Motiven und Rezeptionen zu beschäftigen.

Unter dem Arbeitstitel „Kunst in Kenia“ reichten Anna Lafrentz und Stefanie Habben im Frühjahr 2013 einen Förderantrag bei der Stipendiatischen Projektkommission der Hans-Böckler-Stiftung ein. Mit dessen Bewilligung konnte die Projektidee in die Tat umgesetzt werden und mit fünf weiteren Studierenden haben sie dem Vorhaben ab diesem Zeitpunkt gemeinsam Leben eingehaucht. Die durch sie vertretenen Fachrichtungen Afrikawissenschaften (Michau Kühn), Geographische Entwicklungsforschung Afrikas (Isabella Schulz), Intermediale Kunsttherapie (Sabrina Loll), Transkulturelle Studien (Philipp Günther), Soziale Arbeit (Nadine Lorenz), Kunst- und Kulturvermittlung (Anna Lafrentz) und Medien- und Kommunikationswissenschaft (Stefanie Habben) formten die Ausgestaltung des Projektes maßgeblich. Die inhaltliche und formale Umsetzung wurde mit abgeschlossener Gruppenfindung ein Produkt gemeinsamer Entscheidungen. Eine Vielzahl an individuellen Fachgebieten, Vorstellungen, Ideen und Überzeugungen mündeten in einen langwierigen und herausfordernden Prozess, der uns alle bis zur Entstehung des Kataloges und darüber hinaus prägte. Gespräche, Diskussionen und Aushandlungen über Inhalte und Darstellung des Projektes bestimmten die Vor- und Nachbereitungen sowie die Reise selbst. Der vorliegende Katalog ist allen voran ein Produkt dieser essentiellen und permanenten Aushandlungsprozesse. Deren Inhalte werden deshalb auch im folgendem Abschnitt zur Projektausgestaltung an entsprechender Stelle erwähnt.

Das Projekt war in drei Phasen gegliedert: der vorbereitenden Einführungsphase in Deutschland, der Zeit des Aufenthaltes in Nairobi und der Nachbereitung der Reise mit anschließender Katalogerstellung.

 

Ausgestaltung

Die erste Phase umfasste die inhaltliche und organisatorische Vorbereitung der Reise. Auf Grund einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Arbeitstitel „Kunst in Kenia“ erfolgte hier gleich zu Beginn die Verschiebung des Schwerpunktes von Kunst in Kenia allgemein hin zu Kunst in Nairobi. Der Grund hierfür war die Unmöglichkeit, mittels einer Reise nach Nairobi einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben um somit Rückschlüsse auf die Kunst im gesamten Land ziehen zu können. Damit einhergehend entstand der neue Titel des Projektes: Sanaa Mtaani – Kunst in der Stadt. 'Sanaa Mtaani' ist Swahili und die Übersetzung von 'Kunst in der Stadt'. Es war uns wichtig, die Sprachen Kenias auch in den Titel aufzunehmen, wodurch er dreisprachig wurde. Swahili als Landessprache, Englisch als weitere Amtssprache und Deutsch als unsere eigene Sprache.

Unsere Zielstellung war, die aktuelle Kunstszene in Nairobi ausschnittartig zu beleuchten. Ein weiterer wichtiger Bestandteil des Projektes war ferner der Wunsch durch unsere Einblicke in die Kunstproduktion der ostafrikanischen Metropole stereotype Bilder und Assoziationen zu „afrikanischer Kunst“ in Deutschland mit bestehenden Bildern zu konfrontieren.

Vorrangige Absicht von Sanaa Mtaani war es, einen breiten Zugang zu verschiedenen Facetten von Kunst in Nairobi zu ermöglichen. Dabei interessierten uns sowohl staatliche als auch private Akteur*innen im Verantwortungsbereich für Kunst, aber auch kleinere Vereine und individuelle Künstler*innenbiografien. Mit Hilfe von Interviews, Galeriebesuchen, Stadtrundgängen, Reisetagebüchern etc. sollte ein multiperspektivischer Zugang zu verschiedenen Facetten von Kunst in Nairobi ermöglicht werden. Leitend waren Fragen nach aktuellen Formen bzw. Strömungen, Motiven und Rezeptionen von Kunst. Darüber hinaus interessierten uns der Einfluss der Großstadt Nairobi auf die Kunstschaffenden und deren Werke, sowie die gesellschaftliche Wirkung von Kunst in Verbindung mit der Frage nach deren emanzipatorischer oder politischer Funktion.

Um ein möglichst großes Spektrum an gegenwärtiger Kunst aufzeigen zu können, bildeten wir Kleingruppen mit inhaltlichen Schwerpunkten. Es erfolgte eine interessengeleitete Aufteilung in die Themenbereiche: Visuelle Kunst, Street Art, Musik, Fotografie, Kunsthandwerk und Film.

Neben der inhaltlichen Ausgestaltung des Aufenthaltes vor Ort, arbeiteten wir uns in historisch, kulturell und politisch relevante Themen der Reise ein. Angestoßen durch die Gegebenheit als rein weiße, privilegierte Gruppe nach Nairobi zu fliegen, begann ein fortwährender Reflexionsprozess über die gesellschaftspolitische Dimension dieser Reise. Mit dem ersten Treffen begann eine kritische Auseinandersetzung über unsere eigene Rolle und individuelle Verhaltensweisen in Bezug auf postkoloniale Fragestellungen. Beispielhaft waren hier Diskussionen über Begrifflichkeiten wie das Eigene, das Fremde und das Andere. Die Frage nach der Relevanz dieser Konstruktionen für die Ausbildung von Identität wurde hier betrachtet, sowie die mit den jeweiligen Begriffen einhergehenden Denkansätze und deren Auswirkungen auf individuelle Einstellungen erörtert. Innerhalb eines eigens organisierten Workshops wurden benannte Sachverhalte vertiefend mit einer externen Referentin besprochen. Dort wurde darüber hinaus ein sensibler Umgang in Bezug auf Fotografie angeregt. Uns wurde bewusst, dass auch die Inhalte unserer Reisefotos stereotype Bilder rekonstruieren könnten. Ausschlaggebend für diese intensive Auseinandersetzung war die Befürchtung, aus Unwissenheit unbeabsichtigt geschichtsstrukturelle Kontinuitäten aufzunehmen und fortzuschreiben. Unser Wunsch war es ja gerade mit stereotypen Bildern zu brechen und nicht das Fortschreiben rassistischer Kontinuitäten, indem wir als privilegierte Weiße über „Afrika“ schreiben. Dennoch führte die Auseinandersetzung auch zu Verunsicherungen, die konkrete Auswirkungen auf die Reise hatten. Wann kann ich wie und was in der Stadt fotografieren? Und was bewirkt dieses Bild bei späteren Betrachter*innen? Doch sollte diese Verunsicherung nicht in Resignation umschlagen, sondern als Aufforderung verstanden werden, sich der Problematik noch mehr anzunehmen. Eine wichtige Erkenntnis war, dass die Verunsicherung nicht dazu führen sollte, sich nicht mit postkolonialen Themen zu beschäftigen. Viel nützlicher schien die Sicht auf postkoloniale Fragestellungen als einen gegenseitigen und andauernden Prozess, der im globalen Austausch individuelle Lebenswelten zugänglich macht und somit gegenseitiges Verständnis fördert.

Diese Fragestellungen wirkten sich deutlich auf die Umsetzung von Sanaa Mtaani aus. Wir entschieden uns bewusst dafür, den im Katalog verfügbaren Platz den Kunstschaffenden selbst zu übergeben und sie persönlich für sich sprechen zu lassen. Anstatt das wir über die Kunst in Nairobi berichten, fiel die Wahl gezielt auf die Methode des Interviews, um diesen Anspruch umzusetzen. Dennoch prägten unsere persönlichen Erwartungshorizonte und individuellen Erfahrungen selbstverständlich Fragestellungen und Vorgehensweisen.

 

Umsetzung

Im Dezember 2013 flogen wir für 10 Tage nach Nairobi, Kenia. Wir hatten im Vorfeld durch bestehende Kontakte und mit Hilfe sozialer Netzwerke bereits vereinzelt Kontakt zu Kunstschaffenden vor Ort hergestellt. Angekommen in Nairobi war unser erster Anlaufpunkt das Kuona Trust - Centre for Visual Arts In Kenya. Als Insel inmitten der Großstadt können sich hier Künstler*innen in deren Räumlichkeiten einmieten und abseits des Trubels persönlichen Projekten verschiedener Couleur nachgehen. Weiterhin gibt es Ausstellungen, Bildungsangebote, Workshops und vieles mehr, was die Bedeutung des Kuona Trust als Plattform für Kunst und Kreativität unterstreicht. Eine Vielzahl an Begegnungen und spannenden Interviews ereigneten sich zunächst an diesem Ort. Netzartig wurden von hier aus später weitere Akteur*innen der Kunstszene Nairobis erschlossen und die Suche setzte sich in den Kleingruppen zu den vorher festgelegten Schwerpunkten fort.

Wir besuchten daraufhin Locations wie Maasai Mbili, ein Ort für Kreativität und Miteinander im Stadtteil Kibera, das GoDown Arts Centre, einen kreativen Raum für Künstler*innen von Visual und Performing Art mit Ausstellungen und Workshops im industriellen Teil der Stadt, und das Kenya National Theatre, mit Proberäumen für angehende oder bereits professionelle Musiker*innen. Darüber hinaus besichtigten wir Pawa 254, ein Sozialunternehmen, welches eine Vielzahl innovativer Kreativer unter seinem Dach beherbergt. Diverse Disziplinen wie Fotografie, Journalismus, Musik und Grafikdesign waren hier mit dem gemeinsamen Ziel vertreten, soziale Veränderungen voranzutreiben. Überall trafen wir auf eine große Diversität an Menschen, Kunstwerken, Ideen und Geschichten an, von denen wir oft nur minimale Ausschnitte festhalten konnten. Ähnlich dem Licht einer Straßenlaterne, welche bestimmte Dinge beleuchtet und andere im Dunkeln lässt, hatten wir nicht den Anspruch am Ende ein vollendetes Bild zeichnen zu können. Wir ließen uns deshalb von der Großstadt und zufälligen Ereignissen mitunter einfach treiben. Wichtig war uns die Individualität aller Künstler*innen und Akteur*innen später darstellen zu können. Denn gattungs- und institutionsübergreifend waren es an erster Stelle die facettenreichen Personen, mit ihren besonderen Geschichten, Motivationen und Zielstellungen, die das Herzstück unserer Begegnungen ausmachten. Die Fülle des zur Verfügung gestellten Materials, die Intensität der Gespräche und das entgegengebrachte Vertrauen sind hier nur einige Schlagworte, die uns in Erinnerung bleiben werden. Die letzte Herausforderung war nun, Inhalt und Form verantwortungsbewusst zusammenzuführen.

Katalog

Die kritische Reflexion darüber, in welcher Form das erworbene Material aus Nairobi in Deutschland präsentiert werden soll, war ein wesentlicher Bestandteil der inhaltlichen Auseinandersetzung im Vorfeld. Wir wollten gezielt stereotype Bilder konfrontieren und zur Auseinandersetzung mit Kunst anregen.

Der Katalog umfasst mehr als 25 Interviews mit Kunstschaffenden in den Bereichen Visuelle Kunst, Street Art, Musik, Fotografie, Kunsthandwerk und Film. Gestalterisch setzten wir das Material so um, dass soweit möglich pro Künstler*in ein Hauptwerk gezeigt und dieses mit einem Portrait und dem Interview ergänzt wurde. Die Künstler*innen wählten die zu veröffentlichenden Hauptwerke selbst aus. Um die Diversität und Bandbreite zu erweitern, verwendeten wir darüber hinaus zusätzliches Material. Es war uns leider nicht möglich mit allen Personen ein Interview zu führen, somit ergänzen zum Teil kurze Selbstdarstellungen der Betreffenden das jeweilige Werk. Vervollständigt wird der Katalog durch weitere Artikel der beteiligten Akteur*innen. Das Ergebnis wird durch die Beiträge über unsere individuelle Auseinandersetzung mit der Reise abgerundet. Vor dem Hintergrund verschiedener Professionen und Überzeugungen nahmen wir sowohl die Stadt, als auch Begegnungen unterschiedlich wahr und prägten folglich die Inhalte der Interviews. Die Reflexionen der Projektbeteiligten komplementieren die dargestellten Künstler*innenportraits. Mit Hilfe dieser einzelnen Puzzleteile wird ein mehrdimensionaler Blick auf Kunst in Nairobi und auf die individuellen Wahrnehmungen aller beteiligten Akteur*innen von Sanaa Mtaani möglich. Somit entsteht ein facettenreiches Stadtportrait Nairobis, das Einblick in das Schaffen von Künstler*innen verschiedener Couleur vor Ort gewährt. Ihre individuellen Ideen, Überzeugungen und Lebenswelten werden zu einem bestimmten Zeitpunkt festgehalten und verschmelzen somit zu einer Momentaufnahme Nairobis.

Dieser Katalog ist ein Produkt individueller Persönlichkeiten und Sichtweisen. Hätten sieben andere Personen andere Künstler*innen getroffen, wäre etwas anderes entstanden. Wir erheben folglich nicht den Anspruch, „die Lebensrealität“ von Künstler*innen in Nairobi zu präsentieren. Es ist vielmehr ein kleiner Einblick, gefärbt durch die persönlichen Sichtweisen der partizipierenden Akteur*innen. Alle Einstellungen und Überzeugungen sind Ergebnisse des Augenblicks, geprägt durch einen individuellen Kontext und veränderbar mit jeder neuen Erfahrung. Der Katalog gleicht folglich einem Foto, das nur einen kurzen Augenblick festhält, wohl wissend, dass ein Leben über dessen Ränder hinaus existiert und die Aufnahme zu einem anderen Zeitpunkt verschieden ausgesehen hätte. Und obgleich dieses Bild nur einen Moment konserviert, prägt es seinen Betrachter nachhaltig und kann zum Ausgangspunkt einer Vielzahl neuer Ideen, Interpretationen und Assoziationen werden.

Einblicke in die gegenwärtige Kunst Nairobis.

Dieses Projekt wird gefördert durch die Stipendiatische Projektkommission der Hans-Böckler-Stiftung