Kunst, Ort und Kontext

Sanaa Mtaani - Kunst in der Stadt

Kunst, Ort und Kontext

Überlegungen zur Bedeutung der Kontexte, in denen Kunst geschaffen und wahrgenommen wird.

von Sabrina

 

Kontexte oder die (Ohn-)macht des Künstlers

Es spielt eine Rolle wo wir was arbeiten. Oft ist der Kontext das, was dem eigentlich sichtbaren Werk die nötige Würze verleiht – eine Kinderzeichnung eines Hauses mit Garten mag den meisten trivial erscheinen, weiß man jedoch um den Hintergrund des Kindes, welches sich vielleicht auf der Flucht befindet und getrennt von der Familie ist, bekommt es eine andere Bedeutung. Wir fügen dem Sichtbaren unser neues Wissen und unsere Verknüpfungen hinzu. Das können je nach Sachlage politisches Wissen, Ortskenntnisse sowie letztendlich persönliche Betroffenheit sein (in den Verknüpfungen landen wir letztendlich immer bei uns selbst, unserem unmittelbaren Leben). Diese Verknüpfungen entziehen sich der Macht des Künstlers. Er mag seine Intention haben, dieses oder jenes „sagen“ wollen – was wir aber „verstehen“ entspringt dem Dialog des Raumes zwischen Künstler, Werk und Rezipient. Der Künstler setzt etwas aus sich heraus, in die Welt, dort existiert es bis es wahrgenommen wird.

GoDown Arts Centre

Subjektive Wahrnehmung – Das Fremde und Ich

Das WIE des Wahrnehmens obliegt dem Betrachter, obgleich sich die Art WIE wahrgenommen wird nur zum Teil bewusst abspielt und somit steuerbar ist. Wir nehmen wahr wie wir gelernt haben zu sehen1. Es folgt Mustern: Bereits Gesehenes verursacht eine nicht so starke Aufmerksamkeit wie Unbekanntes. Ein Beispiel: Eine Alltagsszene im Straßenverkehr. Autos stehen an einer roten Ampel, Fußgänger laufen über die Straße. Wenn nun aber die Ampel blau anstatt grün leuchten würde, würde uns dies auffallen, selbst wenn das Ampellicht nur einen kleinen Reiz darstellt. Aber weil es ungewohnt wäre, würden wir aus unserem „Trott“ gerissen. Die Reaktion der fokussierten Aufmerksamkeit fiele vermutlich umso heftiger aus, je intensiver der Reiz wäre; wenn beispielsweise ein Elefant zwischen den Autos stünde, oder gar ein Fabelwesen durch die Luft flöge. Je ungewöhnlicher, je absurder das Ereignis, desto größer die Aufmerksamkeit, das heißt die Fokussierung auf das gegenwärtige Erleben. Diese Beispiele gehen von der Sachlage aus, dass Menschen sich in ihrer gewohnten Umgebung befinden, in die ein ungewohntes Ereignis eintritt.

 

Subjektive Wahrnehmung – Ich, das Fremde

Wie verhält es sich andersherum? Wenn die Umgebung NICHT das Gewohnte darstellt? Wenn ICH das Fremde bin bzw. mich als das Fremde wahrnehme? Meine Aufmerksamkeit ist anwesend und mit größtmöglichem Bewusstsein ausgestattet. Ich nehme ungefiltert auf: Menschen, Gerüche, Schriftzüge, Straßenzüge, Verkehrsmittel, Körpersprache, Tempi, Laute. Durch die Neuartigkeit für mich nehme ich beinahe jeden Eindruck bewusst wahr (das ist der Grund warum wir in uns unbekannten Umgebungen so schnell erschöpft sind), wir versuchen uns zu orientieren, es besteht ein ständiger Abgleich mit bekannten inneren Bildern. Wie ich diese bekannten Eindrücke, wenn sie auftauchen, wahrnehme, obliegt wiederum meiner Grundkonstitution oder momentanen Verfassung. Bin ich auf der Suche nach dem völlig Andersartigen, der Fremde, stören mich bekannte Bilder vielleicht (als Beispiel sei hier das allgegenwärtige Coca-Cola-Emblem genannt). Bin ich überfordert von der Fülle der Eindrücke oder fühle mich nicht wohl, kann das Auftauchen von etwas Bekanntem eine Art Anker darstellen und Halt bedeuten.

 

Sehgewohnheiten, Kunst und Kontexte

Bezogen auf die Kunst bedeuten diese Aussagen: Was wir bereits gesehen haben stellt eine Art innere Landkarte in uns dar, in die wir versuchen das „Neue“ einzuordnen. Kunst unterliegt dem Ruf, möglichst „originell“ sein zu wollen. Um ein „Original“ zu sein, sollte es nicht reproduzierbar sein2. Wir versuchen also das Gesehene in unsere wie auch immer ausgebildete innere Landkarte „Kunst“ einzuordnen, wobei das Kunstwerk den Wunsch des Künstlers in sich trägt nicht einzuordnen sein zu wollen, weil es originell sein möchte3. Diesen Widerspruch implizit nehmen wir also das Kunstwerk wahr. Dabei spielen verschiedene Kontexte eine Rolle. Ich unterteile sie in a) mein Ich, b) meine Umgebung, c) das Werk und seine Umgebung, d) den Künstler und e) die Umgebung des Künstlers.

 

Zum Kontext meines Ichs zählt u.a.:

Meine persönliche momentane Verfassung (mit Kopfschmerzen werde ich auf grelle Farben beispielsweise anders reagieren als normalerweise), meine persönlichen Vorlieben (was mag ich? Was kenne ich?), meine Vorbildung (in diesem Fall: wie sehr und in welchem Ausmaße beschäftigt mich Kunst allgemein oder dieser Künstler im Besonderen?)

 

Zum Kontext meiner Umgebung zählen:

Wo befinde ich mich, fühle ich mich wohl? Erlaubt es die Umgebung, dass ich mich auf das Werk einlassen kann (Störgeräusche, neue Gerüche etc. färben die Wahrnehmung des Werkes)

 

Zum Kontext des Werkes zählen:

Hat das Werk die Umgebung die es „braucht“4? Weiße Wände, Licht, Stille... all dies wirkt auf unsere Wahrnehmung.

 

Zum Kontext des Künstlers zählen:

Was war des Künstlers Intention („was will uns der Künstler damit sagen?!“), was waren seine Prozesse, sein innerer Dialog im Werkentstehungsprozess? Welche Rolle spielt die Biografie des Künstlers?

 

Zum Kontext der Umgebung des Künstlers zählen:

Unter welchen Umständen ist das Werk entstanden5, inwieweit wird die Umgebung im Werk selbst thematisiert, inwieweit ist der Kontext der Entstehungsgeschichte im Werk spürbar: wird er versteckt, hervorgehoben, außer Acht gelassen?

 

Anhand dieser Gliederung mag deutlich werden, wie viele verschiedenen Kontexte es gibt und welchen Einfluss sie auf unsere Wahrnehmung ausüben. Diese Aufzählung erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, vielmehr stellt es eine erste Überlegung dar, die weiter zu differenzieren wäre.

 

Nairobi: Wir als Fremde, die Metropole und die Kunst

Wir

Wir, sieben Studierende aus ganz Deutschland, aus unterschiedlichen Studienrichtungen, mit verschieden ausgeprägten Bezügen zur Kunst und Nairobi/Kenia/Ostafrika, müssen unseren subjektiven Blick auf die Kunst, die uns in Nairobi begegnet ist, unter diesen Gesichtspunkten reflektieren. Unsere Darstellungen über unsere Erfahrungen sind nur unter unseren individuellen Kontexten zu sehen und zu verstehen. Deswegen haben wir uns für die Form der Interviews entschieden, in dem sich die Künstler*innen weitestgehend ohne unseren Einfluss zur Sprache bringen können6. In den einzelnen Beiträgen zu unseren Eindrücken von Nairobi sind unsere individuellen subjektiven Wahrnehmungen dargestellt. Sie zusammengenommen können die Brille darstellen, durch die hindurch wir uns im Auseinandersetzungsprozess mit den Einblicken gegenwärtiger Kunst in Nairobi befinden.

In unseren Interviews haben wir, sofern es sich anbot, des öfteren die Frage nach dem Einfluss der Umgebung auf das Kunstschaffen gestellt. Wir haben die Künstler*innen auch direkt nach dem Einfluss von Nairobi auf ihre Kunst gefragt. Die Meinungen gingen hier auseinander. Die Malerin und Performancekünstlerin Jackie Karuti beispielsweise sagt: „Nairobi does influence me totally“, wohingegen Anthony Wanjau, ein Bildhauer, aussagt, es spiele keine Rolle wo er künstlerisch tätig sei - „No, I don´t think it is important to live here in Nairobi. (...) Nairobi does not influence me at all.“. Er beschreibt aber auch, wie er die Stadt mit ihren Bars und Straßen dazu benutzt, sich inspirieren zu lassen, Menschen zu beobachten und sie zu studieren. Ähnlich arbeitet der Maler Dickson Kaloki: Er lässt sich durch die Stadt, die Slums treiben um ihre Energie, ihre Stimmung aufzunehmen um diese im Arbeitsprozess in das Werk einfließen zu lassen. Die Eigentümer der Banana Hill Art Gallery sprechen Nairobi eine tragende Rolle zu, da der kenianische Kunstmarkt hier ansässig ist. Kunstinteressierte Menschen kommen nach Nairobi, um sich mit Kunst zu beschäftigen, sie zu sichten, sie zu erwerben. In Nairobi findet eine Verdichtung statt. Diese Verdichtung, die Überlagerungen entstehen durch die Menschen, die Vielzahl der Möglichkeiten, durch die gegenseitige Inspiration, durch die Lebendigkeit: „(…) It´s the energy. It´s the energy of Nairobi, it´s the people, it´s what people stand for, it´s what people do not stand for, it´s the ideals, it´s the chaos. Really. Because Nairobi is really not functional. I hate it most of the time, but I´m still here.“, wie Jackie Karuti beschreibt.

 

Es wird ersichtlich, dass es unterschiedliche Auffassungen gibt, inwieweit die Stadt einen Einfluss auf die Kunst auslöst. Für uns als Fremde sind die Eigenarten einer Stadt deutlich spürbar, weil sie neu sind – und zugleich unterliegt unsere Wahrnehmung unserem geprägtem Blick und ist demnach nicht offen und frei. Aber aus dem Zusammenspiel der individuellen Sicht der Künstler*innen sowie unserer Wahrnehmung kann sich vielleicht ein erstes Bild erschließen – die Wahrnehmungen von „innen“ wie von „außen“ ergänzen sich bestenfalls.

Meine persönliche Einschätzung ist, dass es eine sehr große Rolle spielt in welchem Kontext ich künstlerisch arbeite. Ich empfehle daher den Leser*innen dieses Kataloges unsere Beiträge durch die Brille unserer Eindrücke zu lesen und zu begreifen... dies ist durch das Lesen unserer Beiträge zur Stadt Nairobi in Ansätzen möglich.

Einblicke in die gegenwärtige Kunst Nairobis.

Dieses Projekt wird gefördert durch die Stipendiatische Projektkommission der Hans-Böckler-Stiftung