Im Dunst einer Stadt

Sanaa Mtaani - Kunst in der Stadt

Im Dunst einer Stadt

 

Soul Boy (2010):

Nairobi im Film

von Stefanie Habben

 

Was ist eine Metropole für mich, was macht sie aus? Die Menschen, die dort leben und arbeiten; die Gebäude und Architektur; die besonderen Orte, die man erst findet, wenn man die überlaufenen Straßen verlässt. Oder sind es die kulturellen Ereignisse, die sie mir bietet oder der Reiz des Unbekannten, dem ich mich aussetze?

In meinem Kopf sammeln sich Bilder von Städten, die ich noch nie besucht habe. Es sind Erfahrungsberichte von Freunden, Fotos und vor allem Filme, die ich gesehen habe. Dabei ist es egal, ob dies dokumentarische oder fiktionale Filme sind. Diese unterschiedlichen Eindrücke vermischen sich mit meinen Erwartungen und Vorstellungen.

Wir haben die Möglichkeit überall hin zu reisen, dafür reicht es ins Kino zu fahren und sich vor der Leinwand niederzulassen - wir leben für rund neunzig Minuten im Jetset.

Dabei haben sich im Laufe des letzten Jahrhunderts gewisse Leitmotive für den Stadt-Film entwickelt, die sich immer wieder mit der Zeit wandeln. So ist New York ein Pool aus Lifestyle, Sex und Karrieresprungbrett sowie Paris die Stadt der Liebe, Mode und Intrigen. Viele Städte, viele Filme; jedoch treten einige seltener in den Vordergrund als andere. Die Städte werden uns vorgeführt, was sie für uns sein können und was nicht.

Doch was macht Städte im Film so reizvoll? In den Geschichten erfahren die Figuren die Städte oftmals als Hürdenlauf, es gibt viele Hindernisse, tausend Möglichkeiten zu scheitern und zu gewinnen. Die Figuren sehen sich mit kleinen und großen Problemen und Aufgaben konfrontiert, diese ballen sich auf kleinem Raum und mit lautem Ton: wenn du es hier schaffst, dann schaffst du es überall.

Eine Stadt, die seltener filmischer Schauplatz war, ist Nairobi, die Hauptstadt Kenias. Die Metropole trat bisher hauptsächlich in europäischen und US-amerikanischen Produktionen als exotisches Abenteuer von weißen Reisenden in Erscheinung. Seit einigen Jahren stellt sich die Stadt jedoch filmisch selbst auf: In den zwei Filmen Soul Boy (2010) und Nairobi Half Life (2013) werden ebenfalls Bilder der Stadt gezeichnet, wobei sie in ihren Geschichten vollkommen unterschiedlich gelesen werden können.

Soul Boy (2010) von der Regisseurin Hawa Essuman: Der 14-Jährige Junge Abila lebt mit seiner Familie in Kibera, einem Slum im Südwesten der Stadt Nairobi. Eines Morgens findet er seinen Vater vollkommen verstört und verändert vor. Von einem Mann in seiner Nachbarschaft erfährt er, dass sein Vater in der vergangenen Nacht bei einer Geisterfrau gewesen ist, die ihm aus Hass gegenüber Männern die Seele gestohlen haben soll. Zusammen mit seiner Freundin Shiku macht er sich auf die Suche nach der Geisterfrau, um seinen Vater zu retten. Als er die Frau in einer dunklen Ecke des Slums findet, stellt diese ihm sieben Aufgaben, die er innerhalb von 24 Stunden lösen muss, sonst ist die Seele seines Vaters und ebenso das Leben von Abila verwirkt. So treibt er durch seine Stadt, auf der Suche nach Antworten auf Fragen, die ihm vor allem das Leben selbst stellt.

Sieben Aufgaben, für die es scheinbar viele Antworten und Lösungen gibt, aber nur wenige führen zu einer tieferen Erkenntnis, aus denen man für das Leben lernt: Ein Taschendieb steckt Abila sein Diebesgut zu, um seinen Verfolgern zu entkommen. In der Folge muss sich der Junge entscheiden, ob er das Diebesgut zurück zu seinem Besitzer bringt oder es verkauft, um die Schulden seines Vaters zu begleichen. Die Stadt besteht aus Abhängigkeiten, die nicht klar zu erkennen sind, aber überall wirken.

Der Junge Abila aus Kibera in Nairobi, einem Ort mit vielen sozialen und kulturellen Sackgassen, findet Antworten auf Fragen, die er sich zunächst nicht gestellt hat: Was für ein Leben möchte er als Mann in Nairobi führen, wie will er sich seinen Freunden und seiner Familie gegenüber verhalten, wo möchte er in der Gesellschaft seinen Platz suchen und finden? Die Stadt ist kunterbunt und gibt so viele Möglichkeiten, wie ein Leben verlaufen könnte. Jeder Mann und jede Frau trägt die Verantwortung sich zu entscheiden und dabei zu bedenken, welche Folgen das nicht nur für einen selbst, sondern für alle hat.

 

Nairobi Half Life (2012):

In dem Film Nairobi Half Life (2013) von Tosh Gitonga treibt ebenfalls eine Figur durch Nairobi. Voller Tatendrang kommt der junge Mwas in die Hauptstadt Kenias, um dort sein Glück als Schauspieler zu suchen. Doch gleich zu Beginn seiner Ankunft zerschlägt sich zunächst diese Hoffnung: Mwas wird mitten auf der Straße von einer Gruppe Männer überfallen und komplett ausgeraubt. Ohne finanzielle Mittel gerät er bald selbst in einen Strudel der Kriminalität; wird Mitglied einer Gang, überfällt Autos und raubt die Fahrer aus.

Sein Dasein als Dieb fristet der junge Mann allerdings nur in Teilzeit. Wenn er nicht mit seiner Gang durch die Straßen zieht, versucht er mit einer Schauspielgruppe ein Stück einzustudieren und somit seiner Karriere als Schauspieler ein wenig auf die Sprünge zu helfen. Die beiden Leben laufen zeitweise nebeneinander her, allerdings muss Mwas feststellen, dass sich die beiden Leben nie kreuzen sollten.

Ist dies eine Geschichte der Hoffnung für junge Menschen in der Stadt? Wie definiert sich die Stadt am Ende, als Mwas doch auf der Bühne steht, aber begreift, dass alles anders gekommen ist? Dass er nicht, wie in den Proben eines Stückes, Szenen wiederholen kann; dass das Leben keineswegs einstudiert ist? Wie viele Chancen bekommt man von der Metropole Nairobi? Die Ideale und die Vorstellungen mit denen Mwas nach Nairobi kommt, rücken die Stadt in einen zwielichtiges Bild: Chancen und Möglichkeiten – ja, die gibt es; aber Wege, die einen dort ehrlich hinführen? Alle Figuren scheinen an einem Punkt stecken zu bleiben, der lediglich ein Zwischenstopp in ihrem Leben sein sollte: Die Prostituierte, die lieber wieder zur Schule gehen möchte, um Kosmetikerin zu werden, aber ihren Vater aus Angst nicht um Hilfe bittet; ein junger homosexueller Mann, der in andere Rollen schlüpfen muss, um sich auszudrücken, da er sich auch im Alltag für die Gesellschaft verstellt; und zu guter Letzt Mwas, der sich seine Zukunft komplett anders ausgemalt hatte, aber von der Realität eingeholt wurde. In einer Stadt wie Nairobi geht es darum Geld zu verdienen – wie das passiert und ob die Menschen zufrieden mit ihrem Leben sind, rückt dafür in den Hintergrund. Was bleibt den Figuren? Alle zeigen sich noch in der Hoffnung, dass sie eines Tages das Leben führen, welches sie sich vorstellten. Für die Figuren ein schweres Los, immer im gewünschten „Irgendwann“ glücklich zu werden, erst recht, wenn sie das „Hier und jetzt“ einholt.

Zwei Filme, zwei Geschichten, eine Stadt: Die beiden Geschichten zeichnen ein Bild von Nairobi, in dem sich die Möglichkeiten entfalten und an vielen Stellen Entscheidungen getroffen werden müssen. Die Möglichkeiten sind keineswegs moralisch einwandfrei oder im Sinne „richtig“ oder „falsch“ zu verstehen, doch darum scheint es beiden Filmen auch nicht zu gehen. Die Geschichten fordern vielmehr, dass ein Lebensweg eingeschlagen wird, egal welcher. Es wird in beiden Filmen deutlich, dass die Entscheidungen der Figuren nicht immer zum Guten führen müssen, aber auch nicht zum Schlechten. Die Veränderungen erscheinen so marginal und nebensächlich, dass die Figuren sich dessen selbst kaum bewusst sind. Nairobi erscheint in beiden Filmen als ein Mikrokosmos, in dem sich die Dinge aufeinander zu und wieder weg bewegen, alle einzelnen Individuen umkreisen einander, ziehen sich gegenseitig an oder stoßen sich ab. Zu Beginn stellte sich die Frage, worüber sich eine Metropole repräsentiert. Am Ende stellt sich die Frage, was ist die Metropole für alle Menschen, die in und mit ihr leben? In diesem Zyklus, dem kleinen Kosmos der Stadt sind es die kleinsten Elemente, die Entscheidungen treffen, die das Leben in der Stadt gestalten.

Einblicke in die gegenwärtige Kunst Nairobis.

Dieses Projekt wird gefördert durch die Stipendiatische Projektkommission der Hans-Böckler-Stiftung