Gedanken über Reisebilder

Sanaa Mtaani - Kunst in der Stadt

Gedanken über Reisebilder

von Nadine Lorenz

 

Menschen nehmen Städte unterschiedlich wahr. Während auf mich Großstädte eher Faszination ausüben, bewirken sie bei anderen Personen Unsicherheit und Überforderung. Die Erfahrungen, die man in einer neuen Umgebung macht sind dazu oft vorstrukturiert durch persönliche Einstellungen und Erwartungen, sogenannte Vorannahmen über das Reiseland. Oft halten wir diese Erwartungen dann gezielt in Form von Fotos fest und manifestieren sie folglich als die vorgefundene 'Realität'. Dies geschieht meist unbewusst. Nicht ausgeschlossen ist jedoch, dass wir bei späteren Betrachter*innen der Bilder genau dieselben Vorannahmen reproduzieren und ein Kreislauf entsteht.

Mathare North Road

Wenn es um Länder in Afrika geht, sind diese Vorannahmen oft defizitär und postkolonial geprägt. Mache ich eine Aufnahme in einem afrikanischen Land, kann es passieren, dass ich bewusst oder unbewusst Bildinhalte suche, die meiner Vorannahme entsprechen und folglich ein stereotypes Bild von 'Afrika' zeichnen und reproduzieren. Die Fotos zeigen beispielsweise eher Armut, während Szenen der Urbanität ausgespart werden. Unvermutete/unerwartete Dinge werden oft erst sichtbar, wenn wir unsere Aufmerksamkeit gezielt auf sie richten und nicht auf die Bestätigung stereotyper Vorannahmen verschwenden.

Die Aufnahmen sind zwar Privatsache, die besichtigten Orte und Menschen widerspiegeln, aber sie können darüber hinaus bei den späteren Betrachter*innen Annahmen über die 'Realität' in der Ferne evozieren. Eine Reflexion über den Inhalt der eigenen Fotografien, also was, warum, wie fotografiert wurde, ist daher durchaus relevant. Diese lohnt sich weiterhin, um persönliche Sichtweisen und Werturteile aufspüren und hinterfragen zu können. Welche Situationen waren mir wichtig festzuhalten? Was wollte ich damit aufzeigen? Warum habe ich in anderen Momenten nicht fotografiert? Hier ist eine Annäherung an eigene Vorannahmen und Wertvorstellungen möglich und eine Auseinandersetzung kann angeregt werden.

Cross Road, Nairobi Central

Auch ich konnte meine Erwartungen und Einstellungen bei der Ankunft in Nairobi nicht einfach ablegen. Das Wissen um die oben beschriebenen Herausforderungen wirkte daher mitunter geradezu lähmend. Oft fragte ich mich, was fotografiere ich jetzt warum und wie stufen spätere Betrachter*innen diese Bilder ein? Weder sollten stereotype Vorurteile durch meine Fotos fortgeschrieben werden, noch sollten sie eine 'Realität' konstruieren, die Kategorien wie 'Armut' und 'soziale Ungerechtigkeit' gezielt ausblendet und durch Szenen der Urbanität ersetzt. Hätte ich meinen Fokus allein auf Nairobi als junge kreative Stadt im Aufschwung gerichtet um in Deutschland gezielt stereotype, durch Rückständigkeit geprägte Bilder zu ersetzen, wäre das klar eine Verschleierung vorherrschender Tatsachen gewesen. Denn natürlich gibt es in Nairobi neben einer aufstrebenden Mittelklasse, dem Central Business District und schicken Cafés auch weit verbreitet bittere Armut. Die Frage welche Bilder ich später meinen Freunden und der Familie präsentieren würde stellte ich mir folglich auch vor dem Hintergrund, welche Annahmen sie in deren Köpfen konstruieren würden. Besonders mit dem Wissen einen Ort zu illustrieren, der fernab der täglichen Lebenswelt vieler Menschen in Deutschland liegt. Viele würden folglich 'durch meine Augen' einen ersten Eindruck von Nairobi bekommen und meine Beschreibungen würden ihr Bild von der Stadt vorformulieren.

Central Business District - view from Globe Cinema Roundabout

Jede Repräsentation von Erfahrungen und Begegnungen in einem globalen Kontext birgt gewisse Fallstricke. Bewusst oder unbewusst werden bei den späteren Rezipient*innen der Bilder Annahmen über die vermeintliche Lebensrealität in der Ferne anhand der gewählten Darstellung konstruiert. Sicherlich werden diese Prozesse immer angestoßen, wenn man Orte und Länder beschreibt, die andere Menschen noch nicht besucht haben. Nicht immer sind sie jedoch derart relevant.

Die Besonderheit für viele Länder in Afrika ist, dass diese meist jenseits unserer Wahrnehmung liegen und dazu die Berichterstattung mangelhaft und undifferenziert ist. Auch in den Medien werden oft negative Aspekte wie Bürgerkriege, Hungerkatastrophen und Krankheiten überbetont. Statt den Rezipient*innen einen multiperspektivischen Zugang zu verschiedenen Themen zu ermöglichen, werden überwiegend verallgemeinernde und stereotype Botschaften in Umlauf gebracht. Die medialen Darstellungen prägen, bewusst oder unbewusst, unsere Vorannahmen über die entsprechenden Länder, hinterlassen dabei aber flächendeckend riesige Leerstellen.

Nicht, dass individuelle Reiseberichte diese Lücke füllen könnten, aber es lohnt in meinen Augen genau deshalb darüber nachzudenken, was wir wie und warum in einem solchen Kontext repräsentieren.

 

 

“Nairobi is a great city. It's one of those few cities in the world where it can be raining and there's sun at the same time.” (Khoisan Hassan, 2013)

 

Einblicke in die gegenwärtige Kunst Nairobis.

Dieses Projekt wird gefördert durch die Stipendiatische Projektkommission der Hans-Böckler-Stiftung