Die Sprühdose als Megaphon

Sanaa Mtaani - Kunst in der Stadt

Die Sprühdose als Megaphon

von Michau Kühn

 

Als wohlwollender Beobachter der Berliner Graffitibewegung musste ich mich an Nairobi erst gewöhnen. Sowohl die Art der Bilder, ihre Quantität wie Qualität, als auch die Vorstellungen der Künstler von Graffiti irritierten mich. Im Grunde habe ich den „nairobianischen Zugang“1 zu dieser Kunstform erst nach der Reise halbwegs verstanden

Spray Uzi Crew, FLTR: Swift9, Banks- lave, Uhuru B, Smoki

Die Szene2 ist ungefähr seit dem Jahr 2000 aktiv und ‒ obwohl in ihrer Größe überschaubar ‒ professionell aufgestellt. Doch sie kämpft mit einer großen Herausforderung, die in ihren unterschiedlichen Konsequenzen nicht zu unterschätzen ist: Während in europäischen Metropolen professionelle Sprühdosenhersteller die Sprüher als ihre Hauptabnehmer sehen und ihre Produkte entlang deren Bedürfnissen entwickeln, beklagen die kenianischen Sprüher die minderwertige Qualität „ihrer“ Sprühdosen, da sie schlecht decken und nur wenig Druck haben. So brauchen Bilder für ihre Entstehung deutlich mehr Zeit, was z.B. nächtliche Streifzüge komplizierter gestaltet. Hier ist einiges an Improvisation gefragt, wie z.B. mit Wandfarbe nachzuhelfen oder die Sprühköpfe zu manipulieren. Es fehlt auch der einfache Zugang zu Sprühdosen. Der Künstler Swift9 berichtet von einer Veranstaltung, in der Dosen kostenlos verteilt wurden und im Nachgang überall in der Stadt Tags aufgetaucht sind. Kaum waren die Dosen verbraucht, ebbte alles ab. Während sich in den westlichen Metropolen viele Sprühergenerationen durch Diebstahl der Dosen bemächtigt haben, ist das in Nairobi keine Option. Egal ob Eisdiele oder Supermarkt – fast überall steht am Eingang Sicherheitspersonal, um Kunden beim Eintreten nach Waffen zu scannen. Damit ist der Zugang zu den Dosen ein finanzielles Privileg und für Newcomer, v.a. die jungen, der Einstieg zur Kunst blockiert. Die lokalen Sprüher erhoffen sich einen enormen Aufschwung der Bewegung, wenn sie endlich professionelle Sprühdosenhersteller wie Montana davon überzeugt haben, auch in Ostafrika aktiv zu werden.

Nuh, Swift9, Uhuru B: Look To Afrika, For There A King Will Be Born Painted in celebration of Marcus Garvey‘s Birthday.

Was hat mich aber anfangs irritiert? In Nairobi haben die Sprüher eine eigene Definition von Graffiti geschaffen. Hier steht zumeist nicht der Name des Sprühers im Vordergrund, sondern die Message. Rechtlich bewegen sie sich in einer Grauzone und die klar kriminalisierte Sphäre wird oft bewusst gemieden. Die Möglichkeit, nachts einfach irgendwo hinzugehen und sich irgendeinen Spot zu nehmen, ist in Nairobi nicht so einfach gegeben. Der Künstler Uhuru meint, nachts laufe man als Sprüher Gefahr entweder ausgeraubt zu werden, der Polizei Bestechungsgelder zahlen zu müssen oder im schlimmsten Fall von dieser erschossen zu werden. Diese Angst scheint nicht unbegründet zu sein: Innerhalb der letzten zwei Tage unseres Aufenthalts hat die Polizei in Nairobi sieben Menschen „aus Notwehr“ erschossen. Darum fragen die Künstler meist vorher oder manchmal auch nachher um die Erlaubnis, eine Wand gestalten zu dürfen.

Spray Uzi, Kerosh and Erase (DK): Nairobi

Die meisten Bilder finden sich in Wohngegenden wieder. Das erschließt sich auch aus der Motivation der Künstler: Die Sprüher Nairobis bleiben nicht bei ihrer Kunst stehen. Sie verstehen Graffiti auch als Werkzeug, um die Eliten anzuklagen, den Menschen Hoffnung zu geben und sie zu motivieren, sich für eine bessere Gesellschaft zu engagieren. Eine positive Kommunikation mit der Bevölkerung steht im Zentrum. Dieses Ziel merkt man auch der Umsetzung der Bilder an: Statt nur den eigenen Namenszug an der Wand zu platzieren, schafft man Bilder. Hier einfach von Graffitis zu sprechen, würde vielen Werken nicht gerecht. Sie sind oft mehrere Meter lang und hoch, sehr bunt, detailreich und Buchstaben dienen nur der Ergänzung. Es sind oft Wandbilder, die zum Stehenbleiben, Betrachten und Nachdenken einladen. Dadurch wird die ganze Stadt zum Adressaten. Und die Sprüher haben etwas zu sagen: Es sind Aufrufe zur unity und gegen Gewalt. Denn es waren meist junge Männer im ähnlichen Alter unserer Gesprächspartner, die im Rahmen der Wahlen 2007/2008 zu Tätern wurden, denen über 1100 Kenianer_innen zum Opfer fielen. Es sind Aufrufe gegen die politischen Eliten, die die Bevölkerung immer wieder entlang ethnischer Linien gegeneinander aufwiegeln und durch und durch als korrupt wahrgenommen werden. Darüber hinaus sind es Aufrufe zu einer selbstbewussten Bezugnahme auf Kenia, auf Afrika und schwarze Führungspersönlichkeiten: Obama, Bob Marley, Malcolm X und Nelson Mandela finden sich oft als Portraits in den Graffitis wieder. Statt also nur mit dem eigenen Namen die eigene Szene anzusprechen und die Bevölkerung links liegen zu lassen, wird versucht, diese mitzunehmen und für Graffiti als Kunstform und Medium zu gewinnen. Die Menschen sollen sich mit den Bildern identifizieren. Die Rechnung scheint im Großen und Ganzen aufzugehen: Die Künstler berichten von überwiegend positivem Feedback aus den Communities, die Bildproduktion wird so auch schon mal zum Nachbarschaftshappening mit vielen Beteiligten und Zuschauern und die Bilder bleiben oft jahrelang in die Nachbarschaft eingebettet; ihnen werden Wände zur Verfügung gestellt; ja, sie wurden sogar um die Gestaltung eines Zuges gebeten. Über ihre Graffitikampagne mit dem Aufruf zu friedlichen Wahlen im Jahr 2012 berichteten neben den lokalen Medien auch The Guardian, CNN und VICE. Die positive gesellschaftliche Resonanz spiegelt sich auch in Aufträgen für die Künstler wieder. Sie sind mittlerweile als Teil der kreativen Szene fest etabliert und haben sich mit ihren Fähigkeiten kommerziell gut aufgestellt: Zu ihren Auftraggebern gehören westliche Institutionen wie die UN, Kirchen, Geschäftsinhaber und sogar Angehörige der Eliten. Aus dieser Etablierung ergibt sich aber auch, dass die überschaubare Anzahl von Künstlern namentlich bekannt ist und somit ihr Handlungsspielraum als klassische Sprüher – eben außerhalb des legalen Rahmens ‒ eingeschränkt ist.

Spray Uzi: Lest We Forget; Football field in Mathare Valley after the post election violence.

Zum Schluss sei mir einen Blick in die Glaskugel erlaubt: Nairobi bietet noch enormes Potenzial. Noch viele freie Flächen rufen nach Bildern und das typische Milieu, aus dem sich die Graffitibewegung weltweit speist, die urbane Jugend, ist stark präsent. Eine neue Generation wird noch viel Spielraum vorfinden und ihre alten Meister als auch die Stadt herausfordern.

 

 

1 Dieser Essay basiert auf meinen Beobachtungen und Recherchen, aber vor allem auch auf Gesprächen, die wir mit den Künstlern Bankslave, Dennis Muraguri (Street Art), Swift9 und Uhuru B geführt haben. Es handelt sich um ein subjektives Momenterlebnis und erhebt nicht den Anspruch einer objektiven Darstellung.

2 Wenn ich hier auch von „Bewegung“ und „Szene“ spreche, so setzt sich diese mehr oder weniger lose Gruppe aus sehr unterschiedlichen Einzelpersonen mit ebenso unterschiedlichen Schwerpunkten und Ansichten zusammen. Die Zusammenfassung der Künstler als Gruppe ist hier nur ein Versuch Übereinstimmungen, die nie absolut deckungsgleich sein können, zu beschreiben.

Einblicke in die gegenwärtige Kunst Nairobis.

Dieses Projekt wird gefördert durch die Stipendiatische Projektkommission der Hans-Böckler-Stiftung