Auf der Suche nach Kunst in der Stadt (Sanaa Mtaani)

Sanaa Mtaani - Kunst in der Stadt

Auf der Suche nach Kunst in der Stadt (Sanaa Mtaani)

von Anna

 

 

Die Frage „Was ist Kunst?“ beschäftigt die Menschen immer wieder. Wer hat sich beispielsweise in einer Ausstellung für Moderne Kunst oder bei Gesprächen über die Werke nicht schon einmal erwischt, darüber nachzudenken, ob das denn wirklich Kunst ist. Nicht nur Philosophen, Schriftstellerinnen, Journalisten oder Künstlerinnen kommen an diesen Punkt, sondern insgeheim hat sich das wohl jede und jeder schon einmal gefragt. Der Spruch „Ist das Kunst oder kann das weg?“ ist zum Kult geworden und findet sich mittlerweile auf sämtlichen Tassen, Taschen und Frühstücksbrettchen. Doch jetzt mal ehrlich: Was ist Kunst denn nun wirklich?

 

In Nairobi ist mir eine neue Dimension des Kunstverständnisses begegnet. Ein einheimischer Taxifahrer sagte mir einmal: „We like different art than you. You like the things from the market.“ Er verschwieg mir leider, was sie denn mögen. Ein anderer antwortete auf meine Frage: „Art is paintings, beadings... all that people can buy“. Fragt man daraufhin die Touristen auf dem örtlichen Markt, bestätigen sie diese Aussage: „This sculpture out of wood is typical Kenyan art.“ Aber gibt es typische Kunst? Muss man Kunst klassifizieren? Ist Kunst käuflich? Welche Rolle spielt Kunst im Leben?

 

Der kenianische Glaskünstler Tonney erzählte mir, der Kunst und den Künstler*innen wird von der Stadt zu wenig Beachtung geschenkt. Er erklärte, wie wichtig die Beteiligung kreativer Menschen bei der Stadtplanung ist. Die Ingenieure planen logisch und strukturiert, jedoch ohne an die Menschen und deren individuelle Bedürfnisse zu denken. Nur durch das Hinzuziehen von Kreativen kann eine Stadt lebendig werden.

Tonney arbeitet in dem Kunstzentrum Kuona Trust. Ein Ort, der für viele eine Oase ist. Eine Möglichkeit der Stadt mit all ihrer Energie und mit all ihren Anstrengungen zu entkommen. Sylvia, die Direktorin des Zentrums, legt Wert darauf, dass die Künstler und Künstlerinnen im Austausch miteinander arbeiten. Gegenseitige Inspiration – das scheint in Nairobi generell ein wichtiges Thema zu sein. Darum geht es auch in dem Slum Kibera, wo ebenfalls ein gemeinschaftliches Kunststudio existiert. Das Studio Maasai Mbili ist Anlaufstelle, Zufluchtsort, Zuhause, Austauschmedium, Treffpunkt – diese Liste ist unendlich fortzuführen. Auch die Künstler, die wir dort getroffen haben, hatten keine richtige Antwort darauf, was Maasai Mbili für sie bedeutet. Es sei ein Gefühl, das man nicht in Worte fassen kann. Es macht das Viertel lebenswert.

Die Künstlerin Florence, die in einem weiteren Kunstzentrum (GoDown Arts Centre) ihr Studio hat, erzählte, dass sie nur hier sein kann. Erst im GoDown wurde sie lebendig. Sie sagt: „Artists are the healers of society“. Künstler und Künstlerinnen bewirken, dass es der Gesellschaft, den Menschen, gut geht, dass sie ein gutes Gefühl in sich haben. Im gleichen Zentrum habe ich auch den art educator Patrick getroffen. Er ist seit vielen Jahren Maler und hat eine Fernsehsendung, in der er die Grundlagen der Malerei vermittelt. Außerdem lädt er Schülerinnen und Schüler zu sich ins Studio ein und gibt ihnen Kunstunterricht. Auf die Frage wieso er das macht und was ihn dabei antreibt antwortete er, dass Kreativität zur Bewältigung sozialer Probleme gebraucht werde. Durch eine Anleitung und ein Ermutigen zum kreativen Denken und Handeln eröffnen sich neue Lösungsmöglichkeiten. Mir eröffnete dies erneut eine weitere Dimension auf der Suche nach der Bedeutung von Kunst.

 

Ist also die Frage nach der Rolle von Kunst innerhalb der Gesellschaft und des Zusammenlebens nicht viel wichtiger als die Frage was Kunst nun ist?

 

Auch fragte ich mich, wie Kunst in Nairobi wahrgenommen wird. Ein Maler erzählte mir: „Kenyans don't appreciate art. If they have money, they buy cars.“ Ein anderer erwähnte in einer Podiumsdiskussion: „I really want Kenyans to buy my work.“ Mir selbst wurde auch oft auf Ausstellungen die Frage gestellt: „Do you appreciate art?“ Die Direktorin von Kuona Trust ist optimistisch. Sie meint, Kenia ist auf einem guten Weg, die eigenen Künstlerinnen und Künstler mehr wertzuschätzen. Aber heißt mehr wertschätzen denn auch mehr kaufen?

 

Auf unserer Reise trafen wir auch Hawa, eine Filmregisseurin. Ich fragte sie, ob ihre Filme über Nairobi eine politische Aussage haben. Nein war ihre Antwort. Ja war hingegen meine. Sie zeigt ein Stadtbild von Nairobi, das nichts verheimlicht. Zeigt der Gesellschaft ihr Spiegelbild – das ist für Hawa Kunst und für mich politisch. Doch was bedeutet eine politische Aussage?

Muss Kunst einen Zweck erfüllen? Muss Kunst emanzipatorisch gedacht sein um auch emanzipatorisch zu wirken?

 

Auf der Suche nach Kunst in der Stadt wurde mir die Frage was Kunst ist zwar nicht beantwortet, aber ich habe einmal mehr die Unendlichkeit der Antworten gesehen. Kunst ist überall. Sie bietet alternative Möglichkeiten für das Lösen von Problemen, ist Austauschmedium, bringt Energie, bietet Treffpunkte, macht Politik, macht eine Stadt lebenswert, macht sie schön. Mit den Worten von Florence: Kunst heilt die Gesellschaft.

 

 

Einblicke in die gegenwärtige Kunst Nairobis.

Dieses Projekt wird gefördert durch die Stipendiatische Projektkommission der Hans-Böckler-Stiftung