Nicht in meinem Namen

Sanaa Mtaani - Kunst in der Stadt

Nicht in meinem Namen

von Michau Kühn

 

In Vorbereitung auf unsere Reise nach Nairobi drängte sich schon beim ersten Vorbereitungstreffen unserer Projektgruppe wiederholt die Frage auf, was es denn mit sich bringe, wenn wir als Weiße1 Student*innen deutscher Staatsangehörigkeit nach Nairobi fahren, um einen Katalog über die Kunst in Nairobi zu publizieren und auf diese Weise einem vorwiegend deutschen Publikum davon zu berichten. Tun wir das aus einer Weißen Position heraus? Und wenn ja, was bedeutet das? Würden wir in Kenia als Weiße wahrgenommen werden, und wenn ja, wie sollten wir damit umgehen? Derlei Fragen zogen sich mal mehr mal weniger bewusst wie ein roter Faden durch das Projekt Sanaa Mtaani. In der Bemühung um Konsens haben wir darüber so manch eine Kontroverse geführt. Diese Auseinandersetzung wirkte auch auf mich zurück und mit jedem weiteren Schritt bemerkte ich, wie meine Unbefangenheit einem stetig wachsenden, ideellen, wie gefühlten Gepäck wich. Dieser persönliche Text möchte einige Aspekte des komplexen Themas beleuchten, wie man in Deutschland Weiß wird und welche individuelle Verantwortung meiner Meinung nach daraus hervorgeht. Was ist also in meinem Gepäck? In der Tasche ist die Geschichte, wie es dazu kam, dass mein älteres Kind im Kindergarten nicht mit einem anderem spielen wollte, weil es Schwarz ist. Der Rucksack beinhaltet meine eigene wachsende Unsicherheit hinsichtlich des Weißseins und die problematischen Aspekte unseres Projektes. Im Koffer ist ein Bewusstsein über ein System der globalen Ungleichheit und die Schlussfolgerungen, die ich daraus ziehe.

 

Tasche: Mein vierjähriges Kind versteht nicht, dass in Nairobi die Polizisten nicht Weiß sind

Während meines Aufenthaltes in Nairobi haben mich meine Erinnerungen an rassistische Diskriminierung durch die Polizei in meinem Kiez ständig begleitet. Ein Gedanke dabei war, dass wenn auch keiner der Menschen, denen ich in Kenia begegnet bin, diese Ereignisse kennt, so würden sie bei einem Besuch vermutlich alsbald zum Opfer dieser Diskriminierung werden.

Swift9 painting a tribute to Malcolm X.

Meine Kinder, vier und sechs Jahre alt, wohnen in Berlin direkt am Görlitzer Park, der in letzter Zeit durch bundesweite Berichterstattung zum Albtraum von Eltern kleiner Kinder erklärt worden ist. Es ist kein schöner, aber ein trotzdem sehr angesagter Park. Seit einigen Jahren hat er sich auch zu einem Anlaufpunkt für junge, afrikanische Männer entwickelt. Der Großteil von ihnen, so heißt es, sind Geflüchtete mit einem unsicheren oder illegalisierten Aufenthaltsstatus. Die Polizei hat dort „zum Schutz“ der Anwohner und ihrer Kinder im letzten Jahr 138 Razzien durchgeführt, also im Durchschnitt jeden zweiten bis dritten Tag. Und das sieht folgendermaßen aus: Es gibt die großen, medienwirksamen Razzien, die bis zu acht Stunden andauern. Der ganze Park ist von Mannschaftswagen umstellt und jeder Eingang wird kontrolliert. Dann stürmen die Polizeikräfte den Park – in zivil wie auch als Robocops – und gehen auf Menschenhatz. Jeder andere Begriff für diese Praxis wäre ein Euphemismus. Sämtliche Schwarze Menschen werden zum Freiwild erklärt, unabhängig davon, ob diese gerade grillen, abhängen, mit Freunden oder Familie einfach nur den Park besuchen oder ihrem Tagesgeschäft nachgehen. Jeder einzelne von ihnen wird am Körper, Kleidung und seiner Habe durchsucht und seine Papiere werden gründlich überprüft. Wer wegläuft, wird eingefangen, zu Boden geworfen. Oft knien gleich mehrere Polizisten auf seinem Rücken, Handschellen werden angelegt und er wird durch den Park vor aller Augen abgeführt als handle es sich hierbei um einen Kapitalverbrecher. Schon mein vierjähriges Kind hat das Schema verstanden, welches sich so manch schweigender Beobachter nicht eingestehen will: „Uns tun die ja nichts, wir sind ja Weiße.“ In den Seitenstraßen sieht man dann Menschen sich eilig vom Park entfernen, die Kapuze über dem Kopf, die Hände tief in den Taschen, um möglichst jeden verräterischen Zentimeter ihrer Hautfarbe zu verdecken.

Weiter gibt es die alltäglichen Festnahmen: Auf dem Heimweg vom Kindergarten sehen wir, wie ein Schwarzer Mann in Handschellen, von etlichen Zivilpolizisten umstellt, an die Parkmauer gedrückt wird. Sein angst- und schmerzverzerrtes Gesicht wird mit behandschuhten Händen gegen die Wand gepresst. Aufgebracht bleibe ich stehen und poche darauf, dass sie ihn wie einen Menschen behandeln sollen. Sie fuchteln mit einem Papier aus seiner Tasche herum und „erklären“ mir, vermutlich in der Erwartung, auf mein Verständnis zu treffen: „Hier steht's, der darf gar nicht hier sein.“

Und dann sind da noch die üblichen kleinen Schikanen: Wieder mit den Kindern auf dem Heimweg vom Kindergarten, wieder Polizei: Ein einzelner, kleiner Einsatzwagen rast durch den Park auf einen Treffpunkt der Afrikaner zu. Die Polizisten sind zu zweit und könnten eigentlich gar nichts ausrichten, aber das scheint auch gar nicht ihr Ziel zu sein. Es ist ganz offensichtlich, dass sie einfach nur 30 Schwarze Männer vor ihnen flüchten sehen wollen. Als sie endlich davon ablassen und langsam und befriedigt an uns vorbei fahren, empöre ich mich. Unverstanden, weil ich ihre Genugtuung nicht teile, werde ich angeschnauzt: „Willst du, dass die deinen Kindern Drogen verkaufen?“ Ja, manche von ihnen verkaufen Gras. So what? Der Albtraum im Görlitzer Park beginnt erst, wenn das Blaulicht aufleuchtet. Im Kindergarten wird immer wieder ein Buch gelesen, wie es das in fast jedem Kinderzimmer gibt: Ein netter Polizist regelt den Verkehr, hilft Kindern und Alten über die Straße und jagt die bösen Räuber – der Freund mit dem Helfersyndrom halt. Dann aber gehen wir durch unseren Park nach Hause und sehen, wie dieser nette Polizist seiner Arbeit nachgeht.

Für uns ist das seit Jahren trauriger Alltag und meine Kinder haben schon alle möglichen Situationen erlebt und sich daran gewöhnt.2 Aber wie haben es die Kleinen aufgenommen? Diese Erfahrungen haben meine Kinder verstört und verängstigt. Eines sagt über seinen Cousin, der einen sehr dunklen Teint hat, dass er ihn gern habe, obwohl dieser wie ein Schwarzer aussehe. Und obwohl ansonsten reiselustig möchte es nicht mit mir nach Namibia fahren. Auf die Frage nach dem Grund antwortet es in der ehrlichen Sprache eines vierjährigen Kindes: „Ich mag keine Schwarzen Menschen, ich habe Angst vor der Polizei.“ Mittlerweile ist dieses Kind zwei Jahre älter. Als Elternteil war ich stark verunsichert und im Grunde auch hilflos, wie damit umzugehen sei. Mittlerweile verstehen beide, ihrem Alter entsprechend, dass die Afrikaner im Görlitzer Park keine bösen Räuber sind, dass die Gewalt einseitig von der Polizei ausgeht und dass das etwas Ungerechtes ist.

 

Rucksack: Was habe ich damit zu tun?

Doch wie steht es mit mir und unserem Projekt? Wie kommt es, dass wir uns im Rahmen dessen mit folgenden Fragen konfrontiert sahen: „Warum ist dieses Schwarz/Weißsein als Thema so wichtig? Teilen wir durch diese Problematisierung nicht erst selbst Menschen in Gruppen auf? Warum können wir nicht nach Nairobi einfach als Menschen hinfahren und anderen Menschen auf Augenhöhe begegnen? Bringe ich etwa selbst stereotype Bilder mit?“

In meiner Jugend war ich ein Sympathisant der Black Panther Party der 60/70er Jahre, jahrelang in der Solibewegung für Mumia Abu-Jamal aktiv und habe mit anderen gemeinsam gerne mal Nazis in ihre Schranken gewiesen. Die Demarkationslinien waren klar: Rassisten waren immer die anderen. Doch vor der Fahrt nach Nairobi fühlte ich mich überraschenderweise mehr und mehr verunsichert wegen der Vorstellung, in mir selbst stereotype Vorstellungen vorzufinden. Mental bereitete ich mich auf die Schwarze Mehrheitsgesellschaft vor, als würde ich dort eben auf „die Anderen“ treffen und es fühlte sich wie eine belastende Herausforderung an. Vor Ort war natürlich vieles anders im Gegensatz zum Gewohnten, aber ich atmete auf im Zuge der banalen Beobachtung, dass die Bewohner Nairobis ganz gewöhnlich ihrem Tagesgeschäft nachgehen. Kann es also sein, dass sich bei mir, dem Antirassisten, gewisse Zuschreibungen eingeschlichen haben?

Ein Vergleich: Wir alle sind uns der beeinflussenden Funktion von Werbung bewusst, aber wie selbstverständlich halten wir uns für zu klug um uns darauf einzulassen. Doch wenn wir unseren Kleider- oder Kühlschrank öffnen, sehen wir, dass die Reklame doch irgendwie unser Einkaufsverhalten prägt. Und wir machen uns vor, dass wir diese Produkte nicht etwa gekauft haben, weil wir der Werbung erlegen wären, sondern weil wir sie selbst getestet und für gut und richtig befunden haben. Die durch Werbung transportierten Bilder führen also oft genug auf mal mehr mal weniger subtilen Wegen zum Ziel. Aber was hat das mit den eingebrannten stereotypen Bildern zu tun? Einige Beispiele: Morgens schlage ich die Zeitung auf und lese über Afrika: HIV, Hunger und humanitäre Katastrophe. Auf dem Weg zur Uni hängt ein Werbeplakat aus, das zu Spenden für eine Entwicklungsorganisation aufruft, nach dem Motto: „Weißer Mensch, Afrika kriegt es von alleine nicht hin und braucht darum deine Hilfe. Etwas später muss ich am Regent Hotel in Berlin Mitte vorbei: Am Eingang steht ein Schwarzer Mann in kolonialer Dienerkleidung und wartet darauf, den feinen Herrschaften die Autotür zu öffnen. Dann gehe ich in die Unimensa etwas essen: An der Kasse sitzen hauptsächlich Weiße Frauen, beim Abwasch jedoch vor allem People of Color. Ich blättere im Vorlesungsverzeichnis der Geschichtswissenschaften, aber Afrika scheint wieder keine relevante Historie zu haben. Wieder zurück in meiner Straße bemerke ich einen Aufkleber: „Refugees Welcome“.3 Usw. usf. In der Summe bleibt an einem gewöhnlichen Tag das Bild eines hilfsbedürftigen, devoten, unterqualifizierten und ökonomisch schwachen, am Rande der Gesellschaft lebenden Schwarzen Menschen. Und jedes dieser Bilder vom Schwarzsein wird immer gleichzeitig durch ein Weißes Äquivalent ergänzt. Sie sind nicht so wie wir und vice versa. Wir fühlen uns aufgewertet und die Tür zum Chauvinismus wird geöffnet. Natürlich weiß ich, dass diese Bilder falsch oder unvollständig sind, aber das weiß ich bei der Werbung auch. Wenn ich die Erfahrungen dieses einen Tages zu denen meiner gelebten 12.440 addiere, scheint es selbstverständlich, dass diese Indoktrination mit Eurozentrismus und Chauvinismus nicht spurlos an mir vorbeigegangen sein kann.4 Und ist das Bild erstmal internalisiert, wird man selbst zum Multiplikator.

Neben den wirkungsmächtigen alltäglichen Bildern, gibt es noch die uns qua Geburt mitgegebenen Privilegien. Rassismus findet immer in zwei Richtungen statt. Wo jemand diskriminiert wird, profitiert der andere – zumindest kurzfristig. (Wobei letztendlich doch beide die Verlierer sind, denn: „Wo Unterdrückung stattfindet, bin ich nicht frei!“) Wir können uns von „den Anderen“ und auf ihre Kosten unsere Alltagswaren produzieren lassen. Im Park wissen wir, dass wir unbehelligt den Joint weiterreichen können, während neben uns eine Menschenhatz im Gange ist. Auch steht der Weißen Mittelschichtsjugend die Welt als Abenteuerspielplatz zur Verfügung: Wir können uns weit entfernte Regionen und Metropolen anschauen und zu Hause als mutmaßlich objektive Beobachter davon berichten. Auch wenn wir diesen Umstand bedauern, meinen wir zu „wissen“, dass andere Gesellschaften defizitär sind. Darum können wir, so wir denn „gute“ Menschen sind, ihnen helfen so zu werden, wie wir heute sind und uns dabei in der Rolle des Wohltäters gefallen.

Das Bekenntnis, diese Privilegien abzulehnen, fällt nicht schwer. Im Rahmen dieses Projektes habe ich wohl mehrere davon in Anspruch genommen. So war etwa meine Teilnahme daran wenig uneigennützig. Die große Form des Projektes: Weiße Student*innen berichten anderen Weißen Student*innen in Form eines Katalogs von der Stadt Nairobi und ihrer Kunst, halte ich an vielen Stellen für problematisch. Als Student der Afrikawissenschaften wollte ich trotzdem einfach diese Möglichkeit ergreifen, endlich eine afrikanische Metropole zu besuchen und mir als Graffitibegeisterter die lokale Szene anschauen. Das Motiv des Helfenden, die Idee mit diesem Katalog die lokalen Künstler*innen unterstützen zu können, lässt sich hier unschwer ausmachen. Hätten kenianische Student*innen zehn Tage lang in Berlin so viele offene Türen bis hin zur nationalen Kunstelite einlaufen können? Wie viele mitgebrachte und vom Leser erwartete Bilder mit diesem Katalog reproduziert werden, ist für mich nicht abzuschätzen. Unterm Strich gewinnen wir als Teilnehmer*innen deutlich mehr mit diesem Projekt als die lokalen Künstler*innen: Wir haben eine fremdfinanzierte Reise erlebt, neue Erfahrungen gesammelt und die Möglichkeit erhalten, eine Publikation zu initiieren. Um nicht missverstanden zu werden: Wir waren uns vieler kritischer Fragen bewusst und haben aktiv nach Antworten und Lösungen gesucht. Darum haben wir z.B., wie bereits im Vorwort dieses Katalogs erläutert, das Interview als Methode gewählt, um die Künstler*innen für sich selbst sprechen zu lassen, anstatt über sie zu berichten. Wir wurden in Nairobi oft willkommen geheißen und auch ist das Projekt dort auf Zustimmung gestoßen und hat viel Unterstützung erfahren. Trotzdem denke ich, dass es wichtig ist, auch die problematischen Seiten transparent zu machen.

 

Koffer: Die Komplizenschaft verweigern.

Die unterschiedlichen Formen rassistischer Diskriminierung gehören zum kollektiven Schwarzen Bewusstsein, dafür muss kein Kenianer den Görlitzer Park besuchen. Nicht ohne Grund beziehen sich die Sprüher Nairobis auf Schwarze Führungsfiguren wie Nelson Mandela und Malcolm X und kennen die Geschichten von Mumia Abu-Jamal und Trayvon Martin. Rassismus ist ein Problem, mit dem People of Color seither leben und kämpfen müssen. Aber es ist vor allem ein Problem, das im Wesentlichen von den weißen Mehrheitsgesellschaften ausgeht. Unsere Gesellschaften sind alles andere als politische, ökonomische und kulturelle Leuchttürme in einer Welt der Defizite. Sie sind aufgebaut auf den jahrhundertealten Fundamenten des Kolonialismus und der Sklaverei. Diese koloniale Epoche ist nicht abgeschlossen, denn im globalen Süden findet die ökonomische Ausbeutung, ökologische Verheerung und politische Unterdrückung auf Umwegen des Neokolonialismus kompromisslos und kontinuierlich statt. Kurzum, unser Wohlstand ist das Ergebnis ihrer Armut. Die territorialen Grenzen unserer Gesellschaften sind mit ihren Leichen gepflastert. Und in Deutschland wird wieder aktuell lautstark die Forderung aufgestellt, deutsche Soldaten nach Afrika zu schicken. Das alles ist zwar große kapitalistisch-imperialistische Weltpolitik, aber sie wird in unserem Namen gemacht und auf unterschiedlichen Ebenen profitieren auch wir davon.

Eine andere Welt, in der wir uns tatsächlich weltweit einfach nur als unterschiedliche Menschen begegnen können, ist möglich. Aber diese Welt ist es nicht. Augenhöhe bedeutet Gleichwertigkeit. Solange meine Gesprächspartner aus Nairobi nicht die Möglichkeit haben, ein Rechercheprojekt über die Kunst in Berlin zu machen und mich im Görlitzer Park dafür interviewen können, ohne Opfer rassistischer Diskriminierung zu werden, und solange Kinder in Deutschland in der Annahme aufwachsen, dass es normal sei, wenn deutsche Polizisten Schwarzen Menschen mit Gewalt begegnen, kann eine Gleichwertigkeit nicht gegeben sein. People of Color im sozialen Umfeld, Schwarze Musik oder eine Backpackertour im globalen Süden sind keine Impfung gegen Chauvinismus. Weil wir in einer rassistischen Gesellschaft aufgewachsen sind, müssen wir uns mit unseren rassistischen Vorstellungen und den damit einhergehenden unterschiedlichen Rollenbildern, ungleichen Möglichkeiten und Perspektiven gründlich auseinandersetzen. Auch um uns nicht der Illusion hinzugeben, dass wir einfach entscheiden könnten, dass hier und heute in einem größeren Kontext eine Begegnung auf Augenhöhe gegeben sei. Es ist ein schweres, problematisches und komplexes Gepäck, mit dem ich nach Nairobi gefahren bin und das ich auch weiterhin mit mir trage. Und doch werde ich in dieser Auseinandersetzung mit jedem Schritt als Mensch etwas bewusster und somit freier.

Vom „Görlitzer Park“ über mein eigenes Weißsein zum globalen Machtverhältnis und kulturellen Begegnungen in Nairobi scheint sich ein weiter Bogen zu spannen. Und dennoch ist das eine mit dem anderen verwoben. Wir können nichts dafür, in ein System hineingeboren zu sein, in dem die rassistische Idee von einer vermeintlichen Weißen Überlegenheit von Kindesbeinen an täglich gefüttert wird. Und es ist auch nicht unsere Schuld, in einem Staat zu leben, der ein führender Protagonist und Profiteur des Kapitalismus/Imperialismus als einem globalen Machtverhältnis ist. Doch stehen wir in vielerlei Verpflichtung, um uns nicht der schweigenden Komplizenschaft schuldig zu machen: Es liegt in unserer Verantwortung, unser Verhalten zu reflektieren, viele unserer Ideen in Frage zu stellen, daran zu arbeiten, einen Beitrag für eine Welt zu leisten, in der die Kinder Rassismus nur noch aus Geschichtsbüchern kennen und wir auch heute schon uns individuell dazu positionieren: Nicht in meinem Namen.

 

 

1 „Schwarz und Weiß bezeichnen politische und soziale Konstruktionen und sind nicht als biologische Eigenschaften zu verstehen. Sie beschreiben also nicht Hautfarben von Menschen, sondern ihre Position als diskriminierte oder privilegierte Menschen in einer durch Rassismus geprägten Gesellschaft. Während sich mit Schwarz auf eine emanzipatorische Selbstbezeichnung bezogen wird, wird Weiß explizit benannt, um die dominante Position zu kennzeichnen, die sonst meist unausgesprochen bleibt. Damit der Konstruktionscharakter deutlich wird, werden Schwarz und Weiß großgeschrieben.“ glokal e.V.: Mit kolonialen Grüßen... Berichte und Erzählungen von Auslandsaufenthalten rassismuskritisch betrachtet. Berlin 22013, S. 10.

http://www.glokal.org/publikationen/mit-kolonialen-gruessen/

Das Personalpronomen „wir“ bezieht sich hier auf ein Weißes „wir“, da sowohl die Projektgruppe als auch die Leserschaft dieses Kataloges sich wahrscheinlich im Wesentlichen aus dieser Gruppe zusammensetzt und der Text auch an dieses „wir“ appelliert.

2 Die Erfahrungen der Betroffenen sind in diesem Text nicht berücksichtigt. Schon ein Mindestmaß an Empathie ermöglicht hier naheliegende Spekulationen, aber aus dieser Perspektive kann ich nicht berichten. In Vorbereitung auf diesen Artikel habe ich ein Gespräch mit einem zufällig ausgewählten Schwarzen Mann vom Görlitzer Park geführt und ihn gefragt, wie es um seine Erfahrung mit der Polizei stehe: „Racist, it's just racist. They call us “N-word“ and they beat us.“ Anonymous, Berlin März 2013.

3 Mir ist die Motivation des Slogans bewusst, doch beinhaltet die Aussage „welcome“ auch die Position eines wohlmeinenden Gastgebers, der die Möglichkeit hat, jemanden in seinem Haus willkommen zu heißen. Er ist so populär, weil er sich der öffentlichen Hetze gegen Geflüchtete entgegenstellt – eine an sich gute Sache. Jedoch ist das bestimmt auch möglich, ohne dass Paternalismus mitschwingt. Es sollte das Recht der refugees sein, hierher zu kommen, ohne die explizite Erlaubnis.

4 Als gute Einstiegslektüre sei hier auf ein Werk verwiesen, in dem „Kernbegriffe des weißen westlichen Wissenssystems diskutiert [werden], um das Zusammenwirken von Rassismus, Wissen und Macht aufzuarbeiten“. Susan Arndt, Nadja Ofuatey-Alazard: Wie Rassismus aus Wörtern spricht. Unrast Verlag, Münster 2011.

Einblicke in die gegenwärtige Kunst Nairobis.

Dieses Projekt wird gefördert durch die Stipendiatische Projektkommission der Hans-Böckler-Stiftung