Nairobi: Stadt der Lüfte und Gerüche

Sanaa Mtaani - Kunst in der Stadt

Nairobi: Stadt der Lüfte und Gerüche

Mein persönlicher Eindruck von Nairobi

von Sabrina Loll

Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, ebenfalls ein individuelles Spotlight auf die Stadt Nairobi zu werfen. Ich habe mir dazu als Grundlage Jürgen Hasses Text „Atmosphären des Urbanen – Stadt als Gefühlsraum“ genommen. In dem Text untergliedert der Autor die Objekte der Wahrnehmungen, um eine neue Art des Zugangs zu ermöglichen. Wie empfinde ich Urbanität? Aus den vorgeschlagenen Kategorien habe ich mir zwei heraus gesucht, die mich besonders interessiert haben: Luft und Geruch. Die weiteren Kategorien lauten: Baukultur, Licht und Schatten, Atmosphären der Farben / Stimmungen, Geräusche, Rhythmen der Bewegungen, Blicke und An-Blicke, Kleidung und Habitus von Menschen, Anwesenheit von Tieren und Pflanzen, Präsenz von Ding-Familien sowie Verkehrsmittel. Diese Kategorien wurden anhand europäischer Städte entwickelt. Es stellt sich die Frage, inwiefern sich diese Kategorien grundsätzlich auch für afrikanische Städte eignen. Ich empfand es aber als einen interessanten Ansatz, mich der Stadt Nairobi zu nähern. Die Konzentration auf einzelne Aspekte half mir dabei, mich nicht von den Eindrücken überfluten zu lassen.

Die ersten Tage habe ich mich nicht in der Lage gefühlt überhaupt etwas zu „er-fühlen“. Ich war komplett überfordert. Folgende Notizen aus meinem Buch können dies vielleicht wiedergeben:

 

„Verdichtung. Überlagerung. Alles ist unmittelbar und direkt. Treiben lassen – so „funktioniert“ die Stadt am besten für mich. Vertrauen. Planung funktioniert nicht. Du bist da wenn du da bist. Hektik gehört nicht dazu. Rhythmen laufen gleichmäßig – wenn nur Menschen unterwegs sind. Autos, Matatus, Busse bringen durch Stop and Go einen anderen Klang – es läuft konträr. Es ist nicht „fassbar“ mit deutsch geprägten Rhythmus-Verständnis. Es ergibt sich ein ganz anderer Klang aus knatternden, röhrenden Motoren, die Äußerungen und Klänge von Menschen... es summt und vibriert.“

Mit dem Kennenlernen verschiedener Orte in der Stadt, mit dem regelmäßigen sich bewegen und dem Entwickeln eines vertrauten Umfeldes veränderte sich der Blick. Die Sinneseindrücke wirkten nicht mehr so unmittelbar und direkt, was zur Folge hatte, dass ich mich den Dingen wieder nähern mochte (Vorher hatte ich gefühlt keine Entscheidungsfreiheit. Es war alles da, ganz nah.) Ich habe mich mit zwei Aspekten der oben genannten Aufzählung besonders beschäftigt, da sie mir charakteristisch für die Stadt erscheinen: Gerüche und Luft. Nachfolgend meine Aufzeichnungen:

 

Gerüche

Die Gerüche eröffnen mir einen ganz intensiven Zugang zu Nairobi.

Gerüche SIND Nairobi.

Die Süße von frischen Ananasstücken.

Der faulige Gestank von verwesendem Müll um den Roundabout.

Das Parfüm der Menschen um mich herum. Oder der Schweiß.

Es riecht nach Gummi.

Es riecht nach Verbrennung – seien es die Motoren oder sei es, dass an den Straßenecken Menschen etwas verbrennen.

Es riecht giftig, beißend und schneidend.

Es ist direkt und unmittelbar.

Es ist wie dir widerfahrende Gewalt.

Brisen kommen und gehen, sie überlagern sich, kreieren

aus ihrem Zusammenspiel neue Düfte; selten aber sind sie zart.

Fast immer massiv, direkt. Konfrontierend.

Gerüche lassen dir nicht die Wahl. Nicht du entscheidest, ob du dich

ihnen näherst. Sie umwehen dich, sie umgeben dich,

beim Wahrnehmen sind sie bereits in dir, werden zu

einem Teil deiner selbst.

Beißend. Alles Motorisierte riecht beißend. Ich halte manchmal

den Atem an oder versuche ganz flach zu atmen um nicht

soviel aufnehmen zu müssen.

Gerüche sind überall. Sie riechen erdig, feurig, schneidend, als ob

sie meine Schleimhäute zersetzen.

(17.12.)

 

Luft

Die Luft ist als Strömung sehr präsent. Böen wehen meist die ganze Zeit. Das Strömen der Luft ist nicht gleichmäßig. Es sind nicht identifizierbare Rhythmen. Es weht und schweift. Die Luft ist sehr präsent. Sie macht, dass ich meine Körpergrenze permanent wahrnehme. Die Luft ist kühl und frisch. Sie transportiert Geräusche und Gerüche. Sie sorgt für Kühle, für Abgrenzung, obwohl sie verbindet. Sie ist immer in Bewegung. Wirkt zielgerichtet, aber wirbelt. Es ist Chaos ohne chaotisch zu wirken. Eher frisch, lebendig, wirbelig, sprunghaft – aber auch sanft, umschmeichelnd.

(18.12.)

 

Der Begriff der Überlagerung, des Zufälligen, der Verdichtung ließ mich nicht los. Zurück in Deutschland gestaltet ich drei Bilder, um diese Gefühle auszudrücken: traffic jam – Überlagerung I, living rooms – Überlagerung II und crowd – Überlagerung III. Dafür arbeitete ich mit verschiedenen Fotos dieser drei Kategorien, die ich übereinander schichtete. Diese Mischung aus sich zufällig Ergebendem und gewollt Gestaltetem drückt für mich die Verdichtung im urbanen Raum aus.

Einblicke in die gegenwärtige Kunst Nairobis.

Dieses Projekt wird gefördert durch die Stipendiatische Projektkommission der Hans-Böckler-Stiftung